260mg: Wenn die Euphorie verfliegt und die Stimmen zurückkehren
- karl schmidinger
- 1. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Die Stimmen sind zurück

Es gibt eine Wahrheit über lange Reisen, die man oft erst in der Mitte des Weges erkennt: Die anfängliche Euphorie, dieser kraftvolle Wind, der einen am Anfang trägt, legt sich irgendwann. Die Landschaft wird rauer, der Weg steiler. Man ist weit weg vom Start und das Ziel ist noch nicht in Sicht. Genau dort befinde ich mich gerade.
Der neue Meilenstein: 260mg
Vor zwei Tagen habe ich den nächsten Schritt gemacht. Ich bin jetzt bei 260mg. Wenn ich auf die Zahl schaue, sehe ich einen Sieg. Ich habe mit 600mg begonnen. Ich bin jetzt bei weniger als der Hälfte. Das ist eine gewaltige Leistung, und dieser Gedanke ist oft der Anker, der mich hält, wenn die Wellen hochschlagen.
Aber ich möchte ehrlich sein. Es wird schwieriger. Die Leichtigkeit der ersten großen Sprünge ist einer neuen Schwere gewichen. Es gibt Phasen, in denen ich mich körperlich und geistig einfach nur schlecht fühle. Eine tiefe Müdigkeit, eine Lustlosigkeit, die ich lange nicht mehr kannte. Ich lasse Dinge liegen, die ich sonst mit Freude erledigt hätte. Es ist nicht der heftige, akute Entzug vom Anfang, aber es ist ein zermürbender, leiser Kampf.
Der kleine Mann im Ohr
Und dann sind da die Stimmen. Lange waren sie ruhig, aber jetzt kehren sie zurück. Es ist wie ein kleiner Mann, der mir ins Ohr flüstert. Seine Stimme ist verführerisch und sanft. "Es ist doch nicht schlimm, wenn du das nimmst", sagt er. "Nur ein bisschen, damit es dir besser geht. Du hast schon so viel geschafft, eine kleine Pause hast du dir verdient." Er will mich verleiten, den Weg zu verlassen, zurück in die scheinbare Sicherheit, die in Wahrheit ein Gefängnis ist.
Das ist der vielleicht gefährlichste Teil des Weges. Nicht der laute Sturm am Anfang, sondern das leise Flüstern in der Mitte. Aber ich lerne, ihm zuzuhören, ohne ihm zu folgen. Ich erkenne ihn, nicke ihm zu und sage innerlich: "Ich sehe dich. Aber ich gehe meinen Weg weiter."
Die Weisheit der Pause
Mein Ziel, die 200mg bis zum neuen Jahr zu erreichen, fühlt sich immer noch realistisch an. Aber ich habe in den letzten Tagen etwas Wichtiges erkannt: Vielleicht ist Geschwindigkeit nicht alles. Vielleicht ist es an der Zeit, das Tempo zu drosseln. Ich spiele mit dem Gedanken, eine längere Phase auf einer Dosis zu bleiben, um meinem Körper und meinem Geist Zeit zu geben, sich zu stabilisieren. Um wieder zu Kräften zu kommen.
Das fühlt sich nicht wie Aufgeben an. Es fühlt sich klug an. Es ist die Erkenntnis, dass man manchmal anhalten muss, um nicht vom Weg abzukommen. Dass eine Pause keine Schwäche ist, sondern eine Strategie, um sicher ans Ziel zu gelangen.
Neue, stille Helfer
Und während ich diesen inneren Kampf führe, habe ich mir neue Verbündete gesucht. Meine Pflanzenfamilie ist gewachsen. Drei neue Bäume sind bei mir eingezogen. Und ich habe mit etwas Neuem begonnen: Sumi-e, die japanische Tuschemalerei.
Jeder Pinselstrich ist eine Übung in Achtsamkeit. Ein Atemzug. Ein Moment der vollen Konzentration. Es gibt nur den Pinsel, die Tusche, das Papier und mich. In diesen Momenten sind die Stimmen still. Der kleine Mann hat keine Macht. Es ist eine heilsame Ablenkung, eine Form der Meditation, die mir hilft, im Hier und Jetzt zu bleiben.
Das Licht im Lesen
Es hat gutgetan, das alles auszusprechen. Und es jetzt zu lesen, gibt mir eine neue Perspektive. Eine Distanz, die heilsam ist. Es zeigt mir, dass diese Gefühle und Gedanken nur das sind: Phasen. Wolken, die vorüberziehen. Sie sind nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist der Weg, den ich gehe. Schritt für Schritt.
Danke, dass ihr diese ehrlichen Worte lest und mich auf diesem Weg begleitet.
Von Herz zu Herz, Karl






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