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Die sanfte Methode: Warum weniger manchmal mehr ist


Der Abschied vom abrupten Sprung

Zehn Tage waren wieder vorbei, und es war Zeit für den nächsten Schritt. Mein erster Gedanke war, die Pausen zu verlängern, um meinem System mehr Zeit zur Erholung zu geben. Doch dann kam mir eine andere Idee, geboren aus der Routine des täglichen Wiegens. Ich besitze eine sehr genaue Waage, und bisher habe ich mich immer an die exakte Dosis für den nächsten abrupten Sprung herangetastet. Plötzlich dachte ich: Warum eigentlich ein Sprung? Warum nicht ein sanfter Abstieg?

Anstatt die Dosis von einem Tag auf den anderen um 10% zu reduzieren, habe ich mich für einen neuen Weg entschieden: Ich verteile diese 10% auf fünf Tage. Jeden Tag nehme ich nur ein winziges Bisschen weniger. Es ist kein Sprung mehr, sondern ein langsames, bewusstes Hinabgleiten auf die neue Dosis. Nach fünf Tagen bin ich dann bei meinem neuen Ziel angekommen – in diesem Fall bei rund 234mg.

Das Ergebnis: Ein Gefühl von „Gut“

Die Entscheidung war goldrichtig. Mir geht es gut. Natürlich, die ersten Tage waren nicht ohne Herausforderungen. Meine COPD meldet sich zuverlässig nach jeder Reduzierung, und so war auch diesmal der Umgang mit meinem Sauerstoff anfangs schwierig. Aber der große Schock für das System, der sonst oft kam, blieb aus. Der Übergang war weicher, fließender.

Es ist eine faszinierende Erkenntnis: Indem ich den Prozess verlangsame und in kleinere Teile zerlege, mache ich ihn für meinen Körper erträglicher. Es ist nicht weniger anstrengend, aber es ist eine andere Art von Anstrengung – eine, die sich konstruktiver und weniger brutal anfühlt.

Die heilsame Verantwortung: Meine Pflanzen

In diesen ersten, fragilen Tagen nach einer Reduzierung spielen meine Pflanzen eine entscheidende Rolle. Sie sind mein lebendiger Anker in der Realität. Sie haben einen eigenen Rhythmus, eigene Bedürfnisse, und sie warten nicht darauf, dass es mir besser geht.

Wenn ich abends müde bin, mich eigentlich nicht gut fühle und am liebsten allem den Rücken kehren würde, sehe ich sie. Die Samen, die eingesetzt werden wollen. Die Blätter, die nach Wasser dürsten. Diese Verantwortung ist manchmal anstrengend, ja. Aber sie ist vor allem eines: heilsam.

Sie zwingt mich, aufzustehen und aktiv zu werden. Sie verhindert, dass ich mich den negativen Gefühlen und der körperlichen Schwäche hingebe. Und fast jedes Mal stelle ich fest: Sobald ich mich um sie kümmere, geht es mir selbst ein Stück besser. Diese kleinen, lebendigen Wesen geben mir Struktur, einen Sinn und eine Aufgabe, die größer ist als mein momentanes Befinden. Und wie ich schon oft gemerkt habe: Meistens geht es dann ja eh eigentlich immer.

Ein neuer Weg

Diese neue, sanfte Methode ist mehr als nur eine technische Anpassung. Sie ist ein Ausdruck von Mitgefühl mit mir selbst. Ein Eingeständnis, dass der Weg nicht mit Gewalt bezwungen werden muss, sondern mit Geduld, Weisheit und Sanftmut begangen werden kann. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Milligramm für Milligramm.

Von Herz zu Herz, Karl

ein Zweig einer Fichte

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